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Was jeder Jugendliche über Finanzen wissen sollte

Finanzwissen für Jugendliche in sieben Punkten — jeder mit einer Zahl aus Österreich oder Deutschland, die man nachprüfen kann. Passend zum Monat, in dem viele zum ersten Mal eigenes Geld verdienen.

7Punkte
AT+DEbeide Länder
10 MinLesezeit

Im September beginnt in Österreich und Deutschland für zehntausende Jugendliche die Lehre. Für viele andere fängt das letzte Schuljahr an, der Nebenjob am Wochenende oder das erste Konto ohne Eltern. Damit stehen innerhalb weniger Wochen Entscheidungen an, die vorher niemand erklärt hat.

Das fängt schon beim Betrag auf dem Ausbildungsvertrag an. Er sieht in beiden Ländern völlig unterschiedlich aus. Dahinter stehen zwei verschiedene Systeme, wie die Höhe überhaupt zustande kommt.

🇦🇹 Österreich · 1. Lehrjahr 2026
1.026 €

im Einzelhandel, 1.006,30 € im Metallgewerbe. Es gibt keinen gesetzlichen Mindestbetrag — die Höhe steht im Kollektivvertrag der jeweiligen Branche und ist deshalb je nach Beruf verschieden.

🇩🇪 Deutschland · 1. Lehrjahr 2026
724 €

gesetzliche Mindestausbildungsvergütung für Verträge, die 2026 beginnen. Tarifverträge liegen oft darüber, darunter darf niemand zahlen.

📅 Stand: 2026 · Quellen: WKO-Kollektivverträge, BIBB

Junge Kellnerin mit Schürze steht in einem Café und blickt aus dem Fenster
Der erste eigene Lohn kommt selten aus einem Büro: Lehre, Ferialjob oder Wochenendschicht im Lokal — die Regeln zu Abzügen, Zuverdienstgrenze und Vertragsbindung gelten für alle drei gleich. Foto: Tim Douglas / Pexels

Beide Zahlen haben eines gemeinsam: Sie stehen auf dem Vertrag. Auf dem Konto steht eine andere. Das ist der erste von sieben Punkten.

1Was auf dem Vertrag steht, kommt nicht auf dem Konto an

Zwischen Vertrag und Konto liegt die Sozialversicherung. Sie wird direkt vom Arbeitgeber abgezogen, bevor irgendetwas ausgezahlt wird, und finanziert Krankenversicherung, Pension bzw. Rente, Arbeitslosen- und Unfallversicherung. Bei einem Bruttolohn von 1.200 € sieht das so aus:

🇦🇹 Österreich
1.019 €

Sozialversicherung −181 €, Lohnsteuer 0 €

🇩🇪 Deutschland
1.019 €

Sozialversicherung −181 €, Lohnsteuer 0 €

🇩🇪 Ferienjob DE
1.176 €

kurzfristige Beschäftigung, keine Sozialversicherung

📅 Stand: 2026 · vereinfachte Berechnung, Werte können je nach Kollektivvertrag und Steuerklasse abweichen

Lohnsteuer fällt in beiden Fällen keine an, weil 1.200 € im Monat aufs Jahr gerechnet unter der Grenze liegen, ab der überhaupt Steuer anfällt. Dass in beiden Ländern fast derselbe Betrag herauskommt, ist kein Zufall: Beide Systeme entlasten niedrige Einkommen, nur mit verschiedenen Mitteln. Deutschland senkt zwischen 603 € und 2.000 € die Bemessungsgrundlage für deinen Anteil ab (der sogenannte Übergangsbereich), Österreich befreit dich bis 2.225 € ganz vom Beitrag zur Arbeitslosenversicherung. Wer den vollen Satz aufs volle Brutto rechnet — was viele Rechner tun — zieht dir bei 1.200 € in Deutschland rund 73 €, in Österreich rund 35 € im Monat zu viel ab.

Die dritte Spalte ist der interessante Fall. Ein Ferienjob in Deutschland, der in den Schulferien liegt und befristet ist, gilt als kurzfristige Beschäftigung und ist komplett sozialversicherungsfrei. Aus demselben Bruttobetrag werden dadurch 1.176 € statt 1.019 €. Die Kehrseite sieht man nicht auf dem Konto: Für diese Zeit werden auch keine Versicherungszeiten erworben. Die österreichische Ferialpraktikantin bekommt weniger ausgezahlt und sammelt dafür Monate, die später bei der Pension zählen.

💡

Merksatz: Frag nie „wie viel verdiene ich“, sondern „wie viel bleibt“. Und bei einem Ferienjob in Deutschland zusätzlich: „ist das befristet?“ — davon hängen hier rund 157 € im Monat ab.

2Wie viel du verdienen darfst, ohne dass es deine Eltern trifft

Das ist der Punkt, den fast niemand kennt, und er kostet echtes Geld — nur eben nicht dir, sondern deinen Eltern. Denn solange du in Ausbildung bist, bekommen sie eine staatliche Leistung für dich: in Österreich die Familienbeihilfe, in Deutschland das Kindergeld. Beide Länder knüpfen sie an dein Einkommen. Aber auf völlig verschiedene Weise.

🇦🇹 Österreich · eine Euro-Grenze
17.212 €

zu versteuerndes Jahreseinkommen. Sie gilt erst ab dem Kalenderjahr, in dem du 20 wirst — davor bleibt dein Einkommen völlig außer Betracht. Wird sie überschritten, ist nur der übersteigende Betrag zurückzuzahlen, nicht die ganze Beihilfe.

🇩🇪 Deutschland · eine Stunden-Grenze
20 h/Woche

Eine Einkommensgrenze gibt es seit 2012 nicht mehr. Während der ersten Ausbildung oder im Erststudium ist dein Verdienst egal. Erst danach zählt: über 20 Wochenstunden regelmäßig, und der Anspruch entfällt.

📅 Stand: 2026 · Die österreichische Grenze wurde für 2026 und 2027 nicht angehoben.

Praktisch heißt das: In Österreich musst du auf einen Jahresbetrag schauen, in Deutschland auf deinen Wochenstundenplan — und dort auch erst, wenn du schon eine Ausbildung abgeschlossen hast. Ausdrücklich unschädlich bleiben in Deutschland immer ein Ausbildungsdienstverhältnis und ein Minijob.

⚠️

Wenn du in Österreich mehrere Jobs im Jahr hast, zählt die Summe, nicht der einzelne Job. Wer im Sommer Vollzeit arbeitet und daneben das ganze Jahr geringfügig, kommt schneller an die Grenze als gedacht. Die maßgebliche Zahl steht im Einkommensteuerbescheid für das jeweilige Jahr.

3Geld, das liegen bleibt, wird jedes Jahr weniger wert

Im Juli 2026 lag die Inflationsrate in Österreich bei 2,8 % und in Deutschland ebenfalls bei 2,8 %. Das klingt nach wenig. Es bedeutet aber, dass dieselben Einkäufe ein Jahr später 2,8 % mehr kosten — und dass 1.000 €, die ein Jahr lang unverzinst herumliegen, danach noch für Waren im heutigen Wert von rund 973 € reichen.

📅 Stand: Juli 2026 · Statistik Austria und Destatis, jeweils endgültige Werte

Über längere Zeiträume wird daraus ein spürbarer Betrag. Bei dauerhaft 2,8 % Inflation ist die Kaufkraft von 1.000 € nach fünf Jahren noch etwa 871 € wert, nach zehn Jahren noch rund 759 €. Die Zahl auf dem Konto bleibt dabei exakt gleich. Weniger wird das, was du dafür bekommst.

Ein Sparkonto mit 0,5 % Zinsen liegt bei 2,8 % Inflation damit real im Minus, auch wenn der Kontostand steigt. Für Geld, das du in den nächsten Monaten brauchst, ist das trotzdem der richtige Ort — dazu gleich mehr in Punkt 4 und 6.

4Wann du anfängst, zählt mehr als wie viel

Das ist der einzige echte Vorteil, den man mit 16 hat und mit 40 nicht mehr zurückholen kann: Zeit. Ein Rechenbeispiel mit 50 € im Monat und einer angenommenen Rendite von 6 % pro Jahr, jeweils bis zum 65. Lebensjahr:

Start mit 16
~178.000 €

eingezahlt: 29.400 €

Start mit 26
~93.000 €

eingezahlt: 23.400 €

Unterschied
~85.000 €

für 6.000 € mehr Einzahlung

Zehn Jahre früher anzufangen kostet in diesem Beispiel 6.000 € zusätzliche Einzahlungen und bringt am Ende rund 85.000 € mehr. Der Grund ist, dass die Erträge selbst wieder Erträge bringen — und dafür brauchen sie vor allem eines: Jahre.

⚠️

Die 6 % sind eine Annahme, keine Zusage. Kosten und Steuern sind hier nicht abgezogen, und in einzelnen Jahren kann der Wert deutlich fallen. Der ETF-Sparplan-Rechner auf dieser Seite rechnet mit 7 % — dort lässt sich die Annahme selbst verändern und sehen, wie stark das Ergebnis daran hängt.

5Ein Handyvertrag ist ein Vertrag

Der erste eigene Handyvertrag ist für viele der erste Vertrag überhaupt. Zwei Dinge daran sind wichtig, und beide sind in Österreich und Deutschland unterschiedlich geregelt.

Erstens: Unter 18 kannst du einen solchen Vertrag nicht allein wirksam abschließen. In Österreich ist er ohne Zustimmung der Eltern schwebend unwirksam (§ 865 ABGB), in Deutschland gilt dasselbe über § 108 BGB. Viele Shops fragen trotzdem nicht nach — die Eltern können den Vertrag dann nachträglich anfechten.

Zweitens, und hier trennen sich die Länder deutlich:

🇦🇹 Kündigungsfrist verpasst
+12 Monate

Der Vertrag verlängert sich automatisch, meist um ein weiteres Jahr. Ein einziger vergessener Termin bindet dich also noch einmal so lange wie vorher.

🇩🇪 Kündigungsfrist verpasst
monatlich

Seit der Reform des Telekommunikationsgesetzes im Dezember 2021 ist der Vertrag nach Ablauf der Mindestlaufzeit nur noch monatlich kündbar — keine automatische Jahresverlängerung mehr.

Dieselbe Unaufmerksamkeit kostet in Österreich also ein Jahr und in Deutschland einen Monat. Wer in Österreich einen Vertrag mit 24 Monaten Mindestlaufzeit abschließt, sollte sich beim Unterschreiben gleich eine Erinnerung im Kalender setzen — zwei Monate vor Ablauf, nicht zwei Tage.

6„Später zahlen“ ist ein Kredit, auch wenn es nicht so heißt

Beim Online-Kauf steht neben Karte und Sofortüberweisung eine dritte Option: erst in 30 Tagen zahlen, oder in drei Raten. Das Wort Kredit steht nirgends. Genau das ist es aber — du bekommst die Ware jetzt und schuldest das Geld ab dem Moment.

Solange bezahlt wird, kostet es meist nichts. Passiert das nicht, beginnt eine Kette: Der Anbieter Klarna etwa verschickt drei Mahnungen mit je 1,20 € Gebühr; wird auch die letzte Frist versäumt, geht die Forderung ins Inkasso, und dort wird es deutlich teurer als der ursprüngliche Einkauf.

📊

In der österreichischen Schuldenberatung ist inzwischen jede fünfte Person unter 30. Während bei Älteren meist eine gescheiterte Selbstständigkeit, längere Arbeitslosigkeit oder eine Trennung dahintersteht, ist es bei jungen Menschen überwiegend schlichter Konsum.

Gefährlich wird es, wenn mehrere Raten parallel laufen und jede für sich harmlos aussieht. Vier offene Ratenkäufe zu 15 € sind 60 € im Monat, die schon vergeben sind, bevor der Monat anfängt. Wer nicht mitschreibt, merkt das erst, wenn eine Abbuchung platzt.

7Wer dir Rendite verspricht, verkauft dir etwas

Finanztipps kommen heute für die meisten aus dem Feed. Die deutsche Finanzaufsicht BaFin hat das 2024 untersucht, und die Zahlen sind eindeutig:

Erreicht
> 50 %

der 18- bis 45-jährigen Anleger:innen haben schon Informationen von einem Finfluencer bekommen

Gekauft
~50 %

davon kauften daraufhin das empfohlene Produkt

Nicht bewusst
37 %

wussten nicht, dass Finfluencer für Empfehlungen bezahlt werden

📅 Quelle: BaFin-Verbraucherbefragung 2024

Der letzte Wert ist der entscheidende. Ein Tipp kann trotzdem gut sein, wenn jemand daran verdient — aber du solltest es wissen, bevor du ihm folgst. Drei Fragen reichen dafür meistens aus:

  • Wer verdient daran, wenn ich das mache? Ein Link mit Prämie, ein bezahlter Beitrag, ein eigenes Produkt — all das muss gekennzeichnet sein, ist es aber nicht immer.
  • Was passiert im schlechtesten Fall? Wer nur den besten Fall zeigt, macht Werbung.
  • Verstehe ich, womit das Ding sein Geld verdient? Wenn die Antwort nach fünf Minuten immer noch nein lautet, lass es liegen.

Das Wichtigste in sieben Sätzen

🎯 Key Points

1
Brutto ist nicht netto: Von 1.200 € bleiben in Österreich wie in Deutschland rund 1.019 € — bei einem befristeten Ferienjob in Deutschland dagegen 1.176 €. Es kommt weniger aufs Land an als auf die Art der Beschäftigung.
2
Österreich begrenzt deinen Zuverdienst mit einem Jahresbetrag (17.212 €, ab dem Jahr, in dem du 20 wirst), Deutschland mit 20 Wochenstunden und erst nach der ersten Ausbildung.
3
Bei 2,8 % Inflation sind 1.000 € nach zehn Jahren nur noch rund 759 € wert — die Zahl auf dem Konto bleibt gleich, die Kaufkraft nicht.
4
Zehn Jahre früher anfangen schlägt zehn Jahre mehr einzahlen: 6.000 € zusätzliche Einzahlung, rund 85.000 € Unterschied am Ende.
5
Eine verpasste Kündigungsfrist kostet in Österreich zwölf Monate, in Deutschland einen — den Termin beim Unterschreiben in den Kalender eintragen.
6
Ratenkauf ist ein Kredit. Gefährlich wird die vierte Rate, die parallel zu den ersten drei läuft.
7
Vor jedem Finanztipp aus dem Feed: Wer verdient daran, was ist der schlechteste Fall, und verstehe ich das Produkt überhaupt?

Keiner dieser sieben Punkte verlangt Vorwissen, Geld oder ein Depot. Sie kosten zusammen eine halbe Stunde — und zwar einmal, nicht jedes Jahr.

Quellen

Alle Inhalte und Zahlen in diesem Artikel dienen der allgemeinen Information, wurden sorgfältig recherchiert, aber ohne Gewähr auf Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität zusammengestellt — Inflationsraten ändern sich monatlich, Beitragssätze, Grenzbeträge und Ausbildungsvergütungen meist zum Jahreswechsel. Keine Anlage-, Rechts- oder Steuerberatung, siehe auch unsere finanziellen Hinweise.

Wo du weiterliest

Jeder der sieben Punkte hat auf dieser Seite einen eigenen Artikel, der ihn von Grund auf erklärt. Der vollständige Lernpfad für 13- bis 18-Jährige steht im Rookie-Bereich.