Strom & Gas: Der unterschätzte Spar-Hebel
Ein Tarifwechsel dauert 10 Minuten und spart oft mehrere hundert Euro im Jahr. Trotzdem macht ihn kaum jemand.
Die teuerste Bequemlichkeit im Haushalt
Wenn du in deine erste eigene Wohnung ziehst und dich nicht aktiv um einen Stromtarif kümmerst, landest du automatisch bei einem Standardtarif deines regionalen Landesversorgers — in Österreich z.B. Wien Energie, EVN oder Salzburg AG, in Deutschland meist die örtlichen Stadtwerke. Der Fachbegriff dafür ist „Grundversorgung“, in Österreich im Alltag aber deutlich weniger geläufig als in Deutschland. Das Prinzip ist dasselbe: Es ist der bequemste, aber fast nie der günstigste Tarif.
Der Grund ist simpel: Neue Kund:innen bekommen die besten Angebote, bestehende Kund:innen zahlen oft Jahr für Jahr denselben — oder sogar steigenden — Preis, ohne dass sich jemand meldet. Wer nie wechselt, zahlt die Rechnung dafür.
Die Bonus-Falle: Viele Neukundentarife locken mit einem hohen Rabatt im ersten Jahr. Nach Ablauf springt der Preis oft deutlich nach oben — und wer nicht aktiv weiterwechselt, bleibt im teuren Tarif hängen. Ein Tarifvergleich lohnt sich deshalb nicht nur beim Einzug, sondern am besten einmal im Jahr.
Wohnst du in einer WG oder im Studierendenheim? Dann ist Strom oft schon in der Miete inkludiert (Pauschalmiete) — einen eigenen Vertrag gibt es dann gar nicht, und dieser Artikel betrifft dich erst, wenn du in deine erste eigene Wohnung ziehst. Kurzer Check im Mietvertrag lohnt sich trotzdem: Steht dort „inkl. Betriebskosten“ oder „exkl. Strom“?
🏷️ Welche Tarifarten gibt es überhaupt?
Bevor du vergleichst, solltest du wissen, was du eigentlich vergleichst. Klick durch:
Preis bleibt fix für die gesamte Vertragslaufzeit, meist 12 Monate. Planbar und ohne Überraschungen.
Worauf achten: Läuft die Preisgarantie aus, springt der Preis oft automatisch auf einen teureren Standardtarif. Trag dir das Ablaufdatum ein und vergleich rechtzeitig neu — sonst zahlst du genau die Bonus-Falle von oben.
Preis orientiert sich laufend am Großhandelsmarkt und kann während der Laufzeit steigen oder fallen — meist monatliche Anpassung.
Worauf achten: Günstig, wenn die Marktpreise fallen, riskant wenn sie steigen. Nur sinnvoll, wenn du die Preisentwicklung im Blick behältst und notfalls schnell wechseln kannst.
Preis ändert sich stündlich, gekoppelt an die Strombörse. Nachts oft sehr günstig, an Werktag-Abenden teuer.
Worauf achten: Braucht einen Smart Meter und lohnt sich nur, wenn du Verbrauch aktiv verschieben kannst (z.B. Waschmaschine, E-Auto laden). Ohne steuerbaren Verbrauch meist kein Vorteil.
Der automatische Fallback, wenn du keinen Tarif aktiv gewählt hast oder umgezogen bist. Rechtlich abgesichert, du bist nie ohne Strom.
Worauf achten: Fast immer die teuerste Option — meist 20-40% über einem aktiv gewählten Tarif. Kein Grund zur Panik, aber ein klares Signal: rasch wechseln.
💡 Was ein Wechsel wirklich bringt
Stell deine Haushaltsgröße und dein Land ein:
Tarif-Vergleichsrechner Strom
Richtwerte für 2026 — echte Preise hängen von Wohnort und Anbieter ab:
Diese Zahlen ändern sich laufend: Energiepreise schwanken stärker als fast jeder andere Fixkostenposten — geopolitische Ereignisse, Großhandelspreise und neue Netzentgelte können sie innerhalb weniger Monate spürbar nach oben oder unten bewegen. Der Neukundentarif-Wert oben ist nur ein Richtwert. Bevor du wirklich wechselst: aktuelle Tarife für deine Postleitzahl direkt im E-Control Tarifkalkulator (AT) oder bei Verivox/Check24 (DE) nachschauen — nicht auf Basis dieser Beispielzahlen entscheiden.
🧩 Woraus besteht der Strompreis überhaupt?
Nicht die ganze Rechnung ist verhandelbar. Nur ein Teil lässt sich durch einen Wechsel beeinflussen:
Strompreis-Zusammensetzung (Ø Österreich/Deutschland)
Richtwerte, variieren je nach Anbieter und Netzgebiet:
Kurz gesagt: Nur rund 40% deiner Stromrechnung sind überhaupt verhandelbar. Genau deshalb wirkt sich ein Anbieterwechsel trotzdem so stark aus — dieser Teil kann zwischen Anbietern um mehrere hundert Prozent variieren.
🌱 Wie sauber ist dein Strom wirklich?
Österreich zählt dank seiner Berge zu den Ländern mit dem höchsten Wasserkraft-Anteil Europas — rund zwei Drittel des heimischen Stroms stammen aus Wasserkraft. Ein echter Standortvorteil gegenüber Deutschland, das stärker auf Wind, Solar und (noch) fossile Kraftwerke setzt.
Trotzdem hat die Sache einen Haken: Österreich hat kein einziges eigenes Atomkraftwerk. Und trotzdem stecken im durchschnittlichen Strommix laut offiziellem Herkunftsnachweis-System bis zu 13% Atomstrom. Wie geht sich das aus?
Der Trick: Strom und Zertifikat getrennt handelbar
Jede Kilowattstunde aus erneuerbarer Erzeugung bekommt einen „Herkunftsnachweis“ (HKN) — quasi ein digitales Echtheitszertifikat. Problem: Anbieter dürfen den physischen Strom und das Zertifikat getrennt voneinander einkaufen.
Worauf du achten kannst: Seit Jänner 2025 muss jedes Tarifblatt den Anteil „gemeinsamer Handel“ ausweisen — das zeigt, ob Strom und Zertifikat zusammen (vertrauenswürdig) oder getrennt (potenzielles Greenwashing) eingekauft wurden. Noch einfacher: Das Österreichische Umweltzeichen (UZ46) garantiert 100% echten Ökostrom ohne Atom- oder fossilen Anteil. Im E-Control Tarifkalkulator kannst du gezielt nach Ökostrom-Tarifen filtern. Reiner „Graustrom“ ohne jede Herkunftsangabe ist seit 2015 verboten.
🌍 Österreich oder Deutschland — was ist anders?
Vertragsbindung & Kündigung
Die Vertragsbindung darf maximal 1 Jahr betragen, die Kündigungsfrist maximal 2 Wochen. Ohne Kündigung verlängert sich der Vertrag meist automatisch.
Tarifvergleich
Der E-Control Tarifkalkulator ist die offizielle, unabhängige Anlaufstelle — betrieben von der österreichischen Regulierungsbehörde, ohne Provisionsinteresse. Kommerzielle Portale wie durchblicker.at oder check24.at listen teils mehr Anbieter, verdienen aber an jedem Abschluss mit — am besten beide Quellen parallel checken.
Sozialtarif seit April 2026
Einkommensschwache Haushalte (z.B. Bezieher:innen von Mindestsicherung) bekommen einen gedeckelten Preis von 6 ct/kWh für die ersten 2.900 kWh im Jahr.
Eine Rechnung oder zwei?
Die meisten Anbieter verrechnen Energie und Netzentgelt gemeinsam („Rechnung aus einer Hand“). Manche stellen zwei getrennte Rechnungen (Anbieter + Netzbetreiber). Laut E-Control ist das reine Geschmackssache — am Gesamtbetrag ändert das nichts, anders als oft angenommen.
Vertragsbindung & Kündigung
Der Wechsel ist gesetzlich kostenlos (§41 EnWG). Aus der Grundversorgung kannst du kurzfristig kündigen, der neue Anbieter übernimmt die Kündigung für dich automatisch.
Tarifvergleich
Ein direktes Pendant zu E-Control gibt es in Deutschland nicht — die Bundesnetzagentur reguliert den Markt, betreibt aber keinen eigenen Vergleichsrechner. check24.de und Verivox sind die größten kommerziellen Portale. Die Verbraucherzentrale empfiehlt, dort die voreingestellten Filter zu prüfen und anzupassen, da diese oft provisionsstärkere statt günstigste Tarife zuerst zeigen.
Stromsteuer
Fixer Bestandteil jeder Rechnung: 2,05 ct/kWh Stromsteuer nach § 3 StromStG, zusätzlich 19% Mehrwertsteuer auf den Gesamtpreis.
Stand: 2026 · Keine Rechtsberatung, Richtwerte ohne Gewähr
🔥 Und beim Gas?
Dieselbe Logik gilt beim Gastarif — relevant ist das aber nur, wenn deine Wohnung eine eigene Gastherme hat. Viele erste Wohnungen laufen über Fernwärme oder Strom, dann entfällt dieser Punkt komplett.
Richtwerte 2026: In Österreich liegen Neukundentarife bei ca. 7,6-9,2 ct/kWh gegenüber 11-19 ct/kWh im Bestandsvertrag. In Deutschland sind es ca. 9,1 ct/kWh (Neukunde) gegenüber 13,6 ct/kWh (Grundversorgung). Bei einem typischen Verbrauch spart ein Wechsel oft 300-450€ im Jahr — bei größeren Haushalten mit hohem Verbrauch teils deutlich mehr.
✅ Das Wichtigste zusammengefasst
Strom & Gas auf einen Blick
📚 Quellen
- E-Control — Tarifkalkulator, Strompreis-Regulierung und Stromkennzeichnung (AT)
- Bundesnetzagentur — Strommarkt-Regulierung und Grundversorgung (DE)
- Verbraucherzentrale — Tipps zum Anbieterwechsel (DE)