Die wichtigsten Kennzahlen
EBITDA, KGV und Dividendenrendite — nicht nur definiert, sondern selbst nachgerechnet. Mit echten Zahlen von OMV, SAP und NVIDIA.
Bisher hast du dir die Wirtschaft von oben angeschaut: Konjunktur, Zinsen, Wechselkurse. Jetzt zoomen wir rein — auf einzelne Unternehmen. Wenn du eine Aktie kaufst, wie unterscheidest du eigentlich ein günstiges Unternehmen von einem teuren? Genau dafür gibt es Kennzahlen.
Das Problem mit den meisten Erklärungen im Netz: Sie definieren Kennzahlen („EBITDA ist der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen“), aber niemand rechnet sie mit dir gemeinsam durch. Hier drehst du selbst an den Reglern und siehst, wie aus dem Umsatz einer Firma Schritt für Schritt ihr Gewinn wird — und was das mit dem Aktienkurs zu tun hat.
Kurz zur Auffrischung: Woher kommen diese Zahlen überhaupt?
Ein börsennotiertes Unternehmen veröffentlicht jedes Jahr einen Geschäftsbericht. Zwei Teile davon sind für Kennzahlen entscheidend: Die Gewinn- und Verlustrechnung (GuV) zeigt, was in einem Jahr reingekommen ist (Umsatz) und was rausgegangen ist (Kosten) — am Ende steht der Gewinn. Die Bilanz zeigt dagegen eine Momentaufnahme: was die Firma insgesamt besitzt (Vermögen) und wie das finanziert ist (Eigenkapital plus Schulden).
Die Kennzahlen in diesem Artikel — EBITDA, KGV, Dividendenrendite — kommen alle aus der GuV plus dem aktuellen Aktienkurs. Wie man eine komplette Bilanz liest (Aktiva, Passiva, Eigenkapitalquote), behandelt der eigene, tiefere Artikel „Jahresbericht & Bilanz lesen“ später in dieser Reihe — hier reicht dir das Minimum, um die Kennzahlen-Werkstatt gleich zu verstehen.
Von Umsatz zu Gewinn: der EBITDA-Wasserfall
Bevor du an den Reglern drehst, kurz zu den vier Posten, die aus Umsatz am Ende Gewinn machen — und dazu, was „EBITDA“ als Wort eigentlich bedeutet.
EBITDA kommt aus dem Englischen und ist eine Abkürzung: Earnings Before Interest, Taxes, Depreciation and Amortization — auf Deutsch: Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen. Dass es dabei gleich zwei „Abschreibungs“-Buchstaben gibt (D und A), liegt daran, dass das Englische zwischen Abschreibungen auf materielle Anlagen wie Maschinen oder Gebäude (Depreciation) und auf immaterielle Werte wie Patente, Software oder Firmenwert (Amortization) unterscheidet — im Deutschen fasst man das meist einfach als „Abschreibungen“ zusammen.
Betriebskosten sind die laufenden Kosten des Tagesgeschäfts — Personal, Material, Miete, Marketing. Bei den meisten Unternehmen der mit Abstand größte Kostenblock.
Abschreibungen (auch AfA genannt) verteilen den Kaufpreis einer Anschaffung über ihre Nutzungsdauer. Kauft eine Firma eine Maschine für 100.000 €, die 10 Jahre hält, wird das nicht auf einen Schlag als Kosten verbucht, sondern mit 10.000 € pro Jahr. Wichtig: Das kostet die Firma in diesem Jahr kein neues Geld, mindert aber den ausgewiesenen Gewinn.
Zinsaufwand sind die Kosten für geliehenes Geld (Kredite, Anleihen) — wie stark das ins Gewicht fällt, hängt davon ab, wie fremdfinanziert die Firma ist und wie hoch die aktuellen Zinsen gerade sind (daher der Zusammenhang zum Geldpolitik-Artikel).
Steuersatz auf Vorsteuergewinn: Die Unternehmenssteuer wird nicht auf den Umsatz oder auf EBITDA erhoben, sondern erst auf das, was übrig bleibt, nachdem wirklich alle Kosten — inklusive Zinsen — abgezogen sind. Dieser Zwischenwert heißt Vorsteuergewinn oder EBT (Ergebnis vor Steuern). Erst darauf wird der Steuersatz angewendet, nicht früher. Zur Einordnung: In Österreich liegt die Körperschaftsteuer (KöSt) einheitlich bei 23%, in Deutschland bei kombiniert rund 30% (Körperschaftsteuer plus Gewerbesteuer) — im Regler unten farblich markiert.
EBITDA-Wasserfall-Rechner
Fiktive Firma mit 1.000.000 € Umsatz. Schieb die Regler und sieh, wie sich der Gewinn Schritt für Schritt herausschält:
Vereinfachtes Beispiel ohne außerordentliche Posten, Beteiligungsergebnisse oder latente Steuern. Reale Geschäftsberichte sind komplexer.
Das KGV: Was zahlst du für einen Euro Gewinn?
Das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) setzt den Aktienkurs ins Verhältnis zum Gewinn je Aktie — es beantwortet die Frage: „Wie viele Jahre bräuchtest du, bis der Gewinn deinen Einsatz zurückgezahlt hat, wenn alles beim Alten bleibt?“ Ein KGV von 20 heißt: 20 Jahre, beim aktuellen Gewinnniveau.
Das normale KGV nutzt den aktuellen Gewinn. Das Forward-KGV nutzt stattdessen den erwarteten Gewinn fürs kommende Jahr — deshalb unterscheiden sich beide oft deutlich, besonders bei Firmen mit hohen Wachstumserwartungen.
KGV-Rechner
Gib Aktienkurs und Gewinn je Aktie ein, dann schieb den Wachstums-Regler:
Je höher das erwartete Wachstum, desto niedriger das Forward-KGV bei gleichem Kurs — das ist einer der Gründe, warum Wachstumsfirmen trotz hohem „normalem“ KGV nicht zwingend teuer sein müssen, wenn das Wachstum eintritt. Keine Anlageberatung.
Dividendenrendite: dein laufender Ertrag
Die Dividendenrendite zeigt, wie viel eine Firma dir jährlich als Ausschüttung zahlt, im Verhältnis zum aktuellen Kurs — ähnlich wie ein Zinssatz, nur eben nicht garantiert, sondern von der Geschäftslage abhängig.
Dividendenrendite-Rechner
Gib die Dividende je Aktie ein, dann schieb den Kurs-Regler:
Merkst du was? Bei gleicher Dividende sinkt die Rendite, wenn der Kurs steigt — genau dieselbe gegenläufige Beziehung zwischen Kurs und Rendite, die du schon von Anleihen kennst. Keine Anlageberatung.
Warum haben Tech-/Wachstumsfirmen oft ein hohes KGV?
Ein Blick auf echte Firmen zeigt große KGV-Unterschiede: Ein etablierter Energiekonzern hat oft ein KGV im niedrigen Zehnerbereich, ein KI-Chiphersteller dagegen oft ein KGV von 30, 50 oder mehr. Warum?
Die Antwort hängt mit einem Konzept zusammen, das du schon kennst: Duration. Im Artikel zu Zinsen, Aktien & Anleihen hast du gelernt, dass eine langlaufende Anleihe empfindlicher auf Zinsänderungen reagiert als eine kurzlaufende — weil mehr von ihrem Wert aus weit in der Zukunft liegenden Zahlungen besteht, die stärker abgezinst werden.
Genau dasselbe gilt für Aktien: Eine Wachstumsfirma verdient ihr „eigentliches“ Geld oft erst in einigen Jahren — aktuell wird viel investiert, der heutige Gewinn ist bewusst klein gehalten. Der Aktienkurs spiegelt aber die erwarteten zukünftigen Gewinne wider, nicht nur die heutigen. Das macht den Kurs (im Verhältnis zum aktuellen, noch kleinen Gewinn) besonders empfindlich für Zinsänderungen — eine Wachstumsfirma verhält sich damit bewertungstechnisch wie eine langlaufende Anleihe.
Genau das ist 2022 passiert: Das KGV von NVIDIA lag Anfang 2023 bei rund 74–81 — kurz nach der Zinswende, als die Fed die Zinsen in Rekordtempo anhob (siehe Geldpolitik-Artikel), fiel es in den Folgejahren deutlich, unter anderem weil höhere Zinsen die zukünftigen Gewinne stärker abzinsen. Derselbe Diskontierungsmechanismus aus dem Zinsen-Artikel, nur diesmal bei einer Aktie statt einer Anleihe.
Drei echte Firmen im Vergleich: AT, DE, US
Genug Theorie — hier drei echte, bekannte Unternehmen nebeneinander, vom klassischen Value-Titel bis zum Hochwachstums-Tech-Konzern:
| 🇦🇹 OMV | 🇩🇪 SAP | 🇺🇸 NVIDIA | |
|---|---|---|---|
| Branche | Energie (Öl & Gas) | Software | KI-Chips |
| Typ | Value/Substanz | Reifes Wachstum | Hochwachstum |
| KGV (ca.) | ~15 | ~23 | ~35 (war ~58 vor einem Jahr) |
| Dividendenrendite (ca.) | ~5,1% | ~1,4% | vernachlässigbar |
Gerundete Richtwerte, Stand Sommer 2026 — KGV und Dividendenrendite ändern sich täglich mit dem Aktienkurs. Keine Anlageempfehlung.
Das Muster ist klar erkennbar: OMV zahlt eine hohe, verlässliche Dividende und wird günstig bewertet (Value) — die Wachstumsaussichten in der Öl-/Gasbranche sind begrenzt, aber das Geschäft ist heute schon sehr profitabel. NVIDIA zahlt praktisch keine Dividende und wird trotz gesunkenem KGV immer noch deutlich höher bewertet als OMV — der Markt erwartet weiterhin kräftiges zukünftiges Wachstum. SAP liegt dazwischen: ein reifes, aber noch wachsendes Softwaregeschäft.
Wie liest man Kennzahlen jetzt zusammen?
Eine einzelne Kennzahl ist wie ein einzelnes Puzzleteil — erst im Zusammenspiel ergibt sich ein Bild. Ein praktischer Weg: Stell dir zu jeder Firma drei Fragen, in dieser Reihenfolge:
1. EBITDA / EBITDA-Marge: Ist das operative Geschäft grundsätzlich profitabel?
2. KGV: Ist der aktuelle Preis dafür fair — zahlst du einen angemessenen Aufschlag auf den Gewinn?
3. Dividendenrendite: Was macht die Firma mit ihrem Gewinn — auszahlen oder reinvestieren?
Angewendet auf unsere drei Firmen von oben ergibt das ein stimmiges Bild statt drei isolierter Zahlen:
OMV: Ein niedriges KGV (~15) zusammen mit einer hohen Dividendenrendite (~5,1%) ergibt ein klares „Value/Cash-Cow“-Profil: Das operative Geschäft ist profitabel genug, um viel Bargeld auszuschütten, aber der Markt erwartet wenig zukünftiges Wachstum — deshalb der niedrige Preis relativ zum Gewinn. Würdest du nur das KGV sehen, könntest du denken „günstig, aber warum?“ — die hohe Dividende beantwortet das: Die Firma reinvestiert nicht stark, weil es in der Branche wenig zu reinvestieren gibt.
NVIDIA: Ein hohes KGV (~35) zusammen mit einer vernachlässigbaren Dividendenrendite ergibt das gegenteilige Profil: Der Markt zahlt einen hohen Aufschlag auf den aktuellen Gewinn, weil er erwartet, dass dieser Gewinn stark wächst — und die Firma bestätigt das, indem sie praktisch alles reinvestiert statt auszuschütten. Würdest du nur die Dividendenrendite sehen („0% — schlechte Firma?“), würde dir das hohe KGV die eigentliche Geschichte liefern: Der Markt glaubt an starkes Wachstum.
SAP: Ein mittleres KGV (~23) zusammen mit einer kleinen, aber vorhandenen Dividendenrendite (~1,4%) zeigt ein Übergangsprofil: profitabel und wachsend genug für eine gewisse Ausschüttung, aber noch mit genug Wachstumsfantasie für ein höheres KGV als bei OMV.
Die eigentliche Lektion: Keine der drei Kennzahlen allein hätte dir dieses Bild geliefert. Erst KGV und Dividendenrendite zusammen zeigen, ob eine Firma eher auf Wachstum oder auf Ausschüttung setzt — und das EBITDA am Anfang stellt sicher, dass die Diskussion über Bewertung und Ausschüttung überhaupt auf einem profitablen Fundament steht.
Die wichtigste Regel: Keine Kennzahl allein reicht
Ein niedriges KGV bedeutet nicht automatisch „günstig“, und ein hohes KGV nicht automatisch „teuer“. Ein KGV von 15 kann bei einer Bank normal sein und bei einem Ölkonzern hoch, während 35 bei einem Chiphersteller sogar günstig sein kann, wenn das Wachstum stimmt — der Vergleich muss immer innerhalb derselben Branche stattfinden, nicht branchenübergreifend.
Auch EBITDA hat eine bekannte Schwäche: Es blendet Abschreibungen aus — bei einer Firma mit sehr alten, bald zu ersetzenden Maschinen kann ein hohes EBITDA trotzdem bald teure Neuinvestitionen bedeuten, die im EBITDA gar nicht sichtbar sind. Erfahrene Anleger:innen kombinieren deshalb immer mehrere Kennzahlen und schauen auf den Branchenkontext, statt sich auf eine einzelne Zahl zu verlassen.
✅ Das Wichtigste zusammengefasst
Kennzahlen auf einen Blick
📚 Quellen
- OMV Investor Relations und onvista.de — Kennzahlen OMV-Aktie
- SAP Investor Relations und onvista.de — Kennzahlen SAP-Aktie
- NVIDIA Investor Relations — Kennzahlen NVIDIA-Aktie (historisches KGV)
- USP.gv.at (Bundesministerium für Finanzen) — Körperschaftsteuersatz Österreich (23%)
Alle Inhalte und Zahlen in diesem Artikel dienen der allgemeinen Information, wurden sorgfältig recherchiert, aber ohne Gewähr auf Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität zusammengestellt — Kennzahlen wie KGV und Dividendenrendite ändern sich zudem täglich mit dem Kurs. Keine Anlageberatung, siehe auch unsere finanziellen Hinweise.