Was ist ein Aktienindex?
DAX, ATX, S&P 500, MSCI World: Ein Index ist ein Regelwerk, kein fertiges Portfolio. Wie er rechnet, warum der DAX höher steht, als er sollte, und warum „Welt“-ETF gerade zu 72 Prozent USA bedeutet.
Im Rookie-Artikel Was ist die Börse? steht der Satz: „Ein Index fasst viele Aktien zusammen und zeigt, wie der Markt insgesamt läuft.“ Das stimmt, ist aber die halbe Wahrheit. Ein Index misst nicht „den Markt“ an sich. Er misst genau das, was seine Regeln vorschreiben. Und diese Regeln entscheiden mehr über die Zahl im Fernsehen, als den meisten klar ist.
Dieser Artikel zeigt drei Dinge: wie ein Index rechnet (und warum das den größten Unterschied macht), welche Indizes wichtig sind und wie sie sich unterscheiden, und wie sie sich in den letzten Jahren entwickelt haben — mit einer Überraschung aus Wien.
Ein Index ist ein Regelwerk, kein Fonds
Ein Aktienindex ist eine Rechenvorschrift. Sie legt fest: welche Aktien drin sind, wie stark jede zählt, und wann die Zusammensetzung überprüft wird. Mehr nicht. Der Index selbst kauft nichts, besitzt nichts und kostet nichts. Er ist eine Zahl, die sich nach diesen Regeln bewegt.
Wer die Regeln schreibt, ist ein Unternehmen: die Deutsche Börse für den DAX, die Wiener Börse für den ATX, S&P Dow Jones Indices für den S&P 500, MSCI für den MSCI World. Diese Firmen verdienen Geld damit, dass ETF-Anbieter ihr Regelwerk lizenzieren, um einen Fonds darauf zu bauen. Das Regelwerk ist das Produkt. Deshalb gibt es Millionen Indizes: Jeder kann einen erfinden, indem er neue Regeln aufschreibt.
Zwei Indizes auf denselben Markt können völlig verschieden aussehen, allein weil ihre Regeln anders sind. Der Vergleich „DAX gegen S&P 500″ ist deshalb meistens ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen, wie der nächste Abschnitt zeigt.
Wie ein Index rechnet: die Gewichtung
Die wichtigste Regel ist, wie stark jede Aktie zählt. Es gibt drei gängige Methoden, und sie führen zu drastisch verschiedenen Ergebnissen. Probier es an sechs bekannten Unternehmen aus:
Gewichtungs-Rechner
Sechs Firmen, drei Methoden. Dieselben Unternehmen, ein ganz anderer „Index“.
Nach Marktwert: der Standard
DAX, ATX, S&P 500 und MSCI World gewichten nach Streubesitz-Marktkapitalisierung: Aktienkurs mal frei handelbare Aktien. Die größte Firma zählt am meisten. Im Beispiel oben erdrückt Apple mit rund 85 Prozent alles andere. Dieser „Index“ ist praktisch Apple. Das ist keine Schwäche der Methode: Sie bildet ab, wo tatsächlich das meiste Geld steckt.
Nach Aktienkurs: die kaputte Methode
Der Dow Jones (30 US-Titel) und der Nikkei 225 gewichten nach dem nackten Aktienkurs. Eine Aktie, die 240 Euro kostet, bewegt den Index doppelt so stark wie eine, die 120 Euro kostet, egal wie groß die Firmen sind. Im Beispiel wiegt SAP dreimal so schwer wie Nestlé, obwohl beide etwa gleich groß sind, nur weil die SAP-Aktie teurer ist. Der Aktienkurs allein sagt nichts über die Größe eines Unternehmens. Deshalb nehmen Fachleute den Dow Jones als Marktbarometer nicht ernst.
Gleich gewichtet: fair, aber selten
Jede Aktie zählt gleich viel, im Beispiel je 16,7 Prozent. Klingt fair, hat aber einen Haken: Dann bestimmt die winzige OMV den Index genauso stark wie Apple. Und weil sich die Kurse ständig verschieben, muss ständig nachjustiert werden. Große Standard-Indizes machen das nicht; es gibt aber Gleichgewichtungs-Varianten als eigene Indizes.
Kursindex oder Performanceindex: der teuerste Denkfehler
Die zweite Regel, die fast niemand beachtet: Was passiert mit den Dividenden?
- Kursindex: Dividenden werden ignoriert. Der Index zeigt nur die Kursbewegung. Zahlt eine Firma Dividende, fällt ihr Kurs am nächsten Tag um genau diesen Betrag, und der Kursindex fällt mit.
- Performanceindex (auch Total-Return-Index): Jede Dividende wird rechnerisch sofort wieder in den Index investiert. Er zeigt, was ein Anleger mit wiederangelegten Ausschüttungen gehabt hätte.
Der DAX, den die Nachrichten zeigen, ist ein Performanceindex und damit die Ausnahme unter den großen Indizes. Der S&P 500, der ATX und die meisten anderen werden als Kursindex berichtet. Wer „DAX 24.000 gegen S&P 500″ vergleicht, vergleicht einen Index mit Dividenden gegen einen ohne. Der DAX gewinnt diesen Vergleich fast immer, aus einem reinen Rechentrick.
Wie groß der Unterschied ist, zeigt der DAX selbst. Beide Varianten starteten 1988 bei 1.000 Punkten:
Seit 1988 hat die Performance-Variante rund 8 Prozent pro Jahr gemacht, die Kurs-Variante nur gut 5 Prozent. Über fast vier Jahrzehnte wird daraus der Unterschied zwischen über 20.000 und rund 7.800 Punkten: dieselben 40 Firmen, derselbe Zeitraum, allein die Dividenden-Regel unterscheidet sich. Stand: 2026.
Beim ATX heißt die Kurs-Variante schlicht „ATX“, die Total-Return-Variante „ATX TR„. Wenn eine österreichische Nachricht meldet, „der ATX hat 2025 um 45 Prozent zugelegt“, meint sie den Kursindex. Mit Dividenden (ATX TR) waren es rund 52 Prozent, das stärkste Jahr seit 2005.
Die bekanntesten Indizes im Überblick
Kennzahlen gerundet, Stand Mitte 2026.
| Index | Was er misst | Titel | Gewichtung | Berichtet als |
|---|---|---|---|---|
| ATX 🇦🇹 | Größte Firmen der Wiener Börse | 20 | Marktwert (Streubesitz) | Kursindex (ATX TR = mit Dividenden) |
| DAX 🇩🇪 | 40 größte deutsche Firmen | 40 | Marktwert, gedeckelt bei 15 % | Performanceindex (mit Dividenden) |
| S&P 500 🇺🇸 | 500 große US-Firmen, per Komitee ausgewählt | ~500 | Marktwert (Streubesitz) | Kursindex |
| Nasdaq 100 🇺🇸 | 100 größte Nicht-Finanzwerte der Nasdaq, sehr technologielastig | ~100 | Marktwert (modifiziert) | Kursindex |
| Dow Jones 🇺🇸 | 30 US-Standardwerte, per Komitee ausgewählt | 30 | Aktienkurs | Kursindex |
| MSCI World 🌍 | Große und mittlere Firmen aus 23 Industrieländern, kein China, kein Indien | ~1.300 | Marktwert (Streubesitz) | Meist Kursindex; ETFs gibt es in beiden Varianten |
| MSCI ACWI / FTSE All-World 🌍 | Wie MSCI World, aber zusätzlich mit Schwellenländern, rund 85 % der weltweiten Aktienmärkte | 2.500–4.000 | Marktwert (Streubesitz) | Meist Kursindex |
| EURO STOXX 50 🇪🇺 | 50 Blue Chips der Eurozone | 50 | Marktwert (Streubesitz) | Kursindex (Net-Return-Variante üblich) |
| Nikkei 225 🇯🇵 · FTSE 100 🇬🇧 · SMI 🇨🇭 | Leitindizes für Japan, Großbritannien, Schweiz | 225 / 100 / 20 | Nikkei: Aktienkurs · FTSE & SMI: Marktwert | Kursindex |
Ein „Leitindex“ ist einfach der wichtigste Index eines Landes. Daneben gibt es Dutzende weitere (MDAX, SDAX, S&P MidCap 400, MSCI Emerging Markets …).
Der ATX ist klein und konzentriert
Der ATX bündelt nur 20 Titel, und vier davon (Erste Group, OMV, Telekom Austria und voestalpine) machen zusammen etwa die Hälfte des Index aus, die Erste Group allein rund ein Fünftel. Er ist damit stark von Banken, Energie und Industrie abhängig. „In den ATX investieren“ ist deshalb eine ganz andere Wette als „in den DAX“: weniger breit gestreut, viel stärker vom Zinsniveau und den Rohstoffpreisen getrieben. Die halbjährliche Überprüfung im März und September tauscht höchstens drei Titel aus.
„Welt“ heißt gerade zu 72 Prozent USA
Der MSCI World klingt nach maximaler Streuung, ist aber nach Marktwert gewichtet. Weil US-Firmen die mit Abstand höchsten Börsenwerte haben, bestehen rund 72 Prozent des Index aus US-Aktien (Stand Mitte 2026), gefolgt von Japan (knapp 6 %), Großbritannien (3,5 %) und Deutschland (gut 2 %). Die sieben größten US-Techkonzerne, also Nvidia, Apple, Microsoft, Amazon, Alphabet, Meta und Tesla, vereinen allein rund ein Viertel des gesamten Welt-Index auf sich. Ein „Welt“-ETF ist damit aktuell in erster Linie eine Wette auf die US-Technologiebranche.
Konzentration im „breiten“ Index: Die zehn größten Werte im S&P 500 stehen zusammen für über ein Drittel des Index. Vor 20 Jahren waren es rund die Hälfte davon. Wer einen breiten Index kauft, kauft heute stärker als früher eine Handvoll sehr großer Firmen mit.
Die Entwicklung der letzten Jahre
Alle Werte in Euro, vor Kosten und Steuern. Quellen: Wiener Börse, finanzen.net, MSCI. Stand: Anfang 2026, jährlich aktualisiert.
| Index (mit Dividenden) | Aus 10.000 € nach 3 Jahren (2023–2025) | Ø pro Jahr über 10 Jahre |
|---|---|---|
| ATX (ATX TR) | ~24.050 € | — |
| S&P 500 | ~17.650 € | ~14 % |
| MSCI World | ~17.280 € | ~11 % |
| DAX | ~16.470 € | gut 5 % |
Der MSCI World hatte in diesem Zeitraum sein bestes Jahr 2021 mit rund +33 % und sein schlechtestes 2022 mit rund −14 %. Das ist die normale Bandbreite eines breiten Index.
Zwei Bilder, die sich zu widersprechen scheinen:
- Über zehn Jahre hat die USA alles abgehängt. Der S&P 500 lag bei rund 14 Prozent pro Jahr, der DAX bei gut 5, getrieben von der Technologiebranche und einem über weite Strecken starken Dollar.
- Über die letzten drei Jahre hat ausgerechnet der winzige ATX alle geschlagen: +140 Prozent mit Dividenden, mehr als das Doppelte von S&P 500 oder MSCI World. Der Grund ist genau seine Konzentration: Banken und Energieversorger profitierten stark von den hohen Zinsen und Energiepreisen dieser Jahre.
Die Lehre: Derselbe Index sieht je nach Zeitfenster völlig anders aus. Ein Drei-Jahres-Chart „beweist“ oft das Gegenteil eines Zehn-Jahres-Charts. Und der ATX-Sprung ist die Kehrseite seiner Schwäche: Ein Index mit halbem Gewicht in vier Firmen schlägt in beide Richtungen kräftig aus.
Der Rückspiegel-Effekt. „Der S&P 500 hat historisch rund 10 Prozent gemacht“ stimmt, aber der Index von heute ist nicht der von 1990. Kodak, Sears und viele andere sind längst raus, Nvidia und Apple prägen ihn. Ein Index räumt seine Verlierer automatisch weg und nimmt die Gewinner auf. Das ist gut für Anleger, macht die Vergangenheitsrendite aber zu keiner Garantie für die Zukunft.
Was ein Index nicht kann
Ein Index kann per Definition nicht „schlechter als der Markt“ sein, er ist der Marktdurchschnitt. Genau deshalb schlägt ein simpler Index-ETF langfristig die große Mehrheit der aktiv gemanagten Fonds. Aber zwei Grenzen bleiben:
- Ein Index kennt keine Bewertung. Nach Marktwert gewichtet hält er von der teuersten Aktie am meisten und von der billigsten am wenigsten. Steigt eine Aktie, bekommt sie automatisch mehr Gewicht. Das verstärkt Trends in beide Richtungen.
- Der Index ist kostenlos, der ETF darauf nicht. Der Fonds hat laufende Kosten und weicht minimal vom Index ab. Worauf du bei der ETF-Wahl achtest, steht in ETFs vergleichen.
- Wechselkurs inklusive. Wer als Anleger in der Eurozone einen US-Index hält, hat automatisch eine Dollar-Wette dabei. Der S&P 500 in Dollar und derselbe Index in Euro können über Jahre deutlich auseinanderlaufen, mal zu deinen Gunsten, mal gegen dich.
Vom Index zum ETF
Ein Index ist nur eine Rechenvorschrift. Direkt investieren kannst du nicht in ihn. Ein ETF ist der Fonds, der die Regeln des Index nachbaut: Er kauft (möglichst) genau die Aktien in genau der Gewichtung, die der Index vorgibt, und bewegt sich dann fast deckungsgleich mit ihm. Die Grundlagen dazu stehen in Was ist ein ETF?, die Feinheiten (wie genau ein ETF den Index trifft, was er kostet, wie Dividenden besteuert werden) in ETFs vergleichen.
Das Wichtigste in Kürze
🎯 Key Points
Quellen
- Wiener Börse — ATX-Indexbeschreibung, Zusammensetzung und Regeln
- MSCI — MSCI World Index Factsheet (Titelzahl, Länder- und Sektorgewichte)
- STOXX / Deutsche Börse — DAX-Methodik, Performance- und Kursindex-Varianten
- S&P Dow Jones Indices — S&P 500 und Dow Jones, Auswahl und Gewichtung
- finanzen.net — historische Indexstände und Jahresrenditen
Alle Inhalte und Zahlen dienen der allgemeinen Information, wurden sorgfältig recherchiert, aber ohne Gewähr auf Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität zusammengestellt. Kurse und Indexstände ändern sich täglich, die Zusammensetzung und Gewichtung mehrmals im Jahr. Keine Anlageberatung, siehe auch unsere finanziellen Hinweise.
