September: Ist das wirklich der schlechteste Börsenmonat?
DAX-Crash 2002, 9/11, Lehman-Pleite — alle drei fielen in denselben Monat. Ein Blick in die Zahlen zeigt, ob der September wirklich der schlechteste Börsenmonat ist oder ob nur ein paar dramatische Ereignisse unsere Erinnerung verzerren.
Der Satz, den jeder schon gehört hat
„September ist der schlechteste Börsenmonat“ — diesen Satz liest man jedes Jahr im August, meistens mit denselben paar Beispielen dahinter. Aber stimmt das wirklich, oder erinnern wir uns nur an die dramatischen Fälle und vergessen den Rest?
Kurze Antwort vorweg: beides stimmt ein bisschen. Der September ist im Schnitt tatsächlich schwächer als andere Monate. Aber der Unterschied ist kleiner, als die Schlagzeilen suggerieren — und ein paar einzelne Ereignisse prägen unser Bild stärker, als sie eigentlich sollten.
Die Zahlen, die es wirklich gibt
Die seriöseste Quelle zuerst: die Deutsche Börse selbst hat in einem Wochenausblick ausgewertet, wie DAX und S&P 500 seit 1965 in den Monaten August und September abgeschnitten haben. Ergebnis: beide Indizes waren in diesem Zeitraum im Schnitt am schwächsten. Von den 65 Jahren zwischen August und Anfang Oktober endeten nur 26 mit einem Plus.
Für den S&P 500 gibt es noch mehr Daten. Seit 1928 lag der Durchschnitt im September bei etwa −1,1 bis −1,2%. Das ist der schwächste Wert aller zwölf Monate. Und September war in 55% der Jahre negativ — bei allen anderen Monaten zusammen liegt der Anteil bei rund 39%.
Vereinfachte Darstellung nach S&P-500-Monatsdurchschnitten seit 1928 (Yardeni Research). „Alle anderen Monate“ ist der grobe Durchschnitt der übrigen elf Monate, kein exakter Einzelwert.
Die Beispiele, die im Kopf bleiben
Was den September wirklich berüchtigt macht, sind nicht die Durchschnittswerte. Es sind drei einzelne Ereignisse, die zufällig alle in diesen Monat fielen — und die extrem gut dokumentiert sind.
Nach den Anschlägen vom 11. September blieben NYSE und Nasdaq bis zum 17. September komplett geschlossen — die längste Börsenschließung seit 1933. Bei der Wiedereröffnung fiel der Dow Jones um 684 Punkte auf 8.920, der damals größte Ein-Tages-Punkteverlust der Geschichte.
Der schlechteste Monat der DAX-Geschichte. Die Dotcom-Blase war schon länger am Platzen, im September 2002 fiel der Index innerhalb von 30 Tagen von 3.712 auf 2.769 Punkte.
Lehman Brothers meldet Insolvenz an — bis heute die größte Firmenpleite der US-Geschichte (639 Mrd. $ Vermögen, 613 Mrd. $ Schulden). Der Dow Jones verlor am selben Tag 504 Punkte.
Der DAX fiel um 720 Punkte auf 12.114 — mitten in der Zinswende-Baisse nach dem russischen Angriff auf die Ukraine. Genau dieser Bärenmarkt taucht auch im Candlestick-Chart-Artikel auf, dort mit Trog exakt am 30. September 2022.
Aber ist das wirklich signifikant?
Hier wird es interessant. „55% der Jahre negativ“ klingt erstmal nach einem klaren Muster. Ist es aber nicht wirklich — das ist kaum mehr als Münzwurf. Bei einer fairen Münze würde man auch in 50% der Fälle Kopf erwarten, und niemand würde daraus ein verlässliches System bauen.
Noch deutlicher wird es, wenn man weiter zurückschaut. Britische Börsendaten reichen bis ins 18. Jahrhundert zurück. Über diesen viel längeren Zeitraum gibt es keinen durchgehenden September-Einbruch. In manchen 50-Jahres-Abschnitten lief der September sogar besser als der Durchschnitt.
In der akademischen Forschung gilt der Effekt deshalb eher als statistische Kuriosität als als verlässliches Muster. Ein Grund: die Effizienzmarkthypothese. Wenn ein Kalendereffekt wirklich zuverlässig funktionieren würde, würden genug Anleger:innen versuchen, ihn auszunutzen — und genau dadurch würde er verschwinden.
Ein Wert fiel bei der Recherche durch: Mehrere kleinere Trading-Blogs zitieren „nur 7 Gewinn-Septembers“ für den DAX. Diese Zahl passt nicht zur besser belegten S&P-500-Statistik (45% positive Jahre) und ließ sich bei keiner seriösen Primärquelle bestätigen — deshalb taucht sie hier bewusst nicht auf.
Warum wir uns trotzdem an „September ist schlimm“ erinnern
Dafür gibt es einen Namen: Verfügbarkeitsheuristik. Unser Gehirn schätzt, wie wahrscheinlich etwas ist, danach, wie leicht uns Beispiele dafür einfallen — nicht danach, was die Statistik tatsächlich hergibt. 9/11 und die Lehman-Pleite gehören zu den einprägsamsten Ereignissen der modernen Finanzgeschichte. Dass beide im September passierten, reicht aus, damit sich der ganze Monat in unserem Kopf schlechter anfühlt, als er im Durchschnitt tatsächlich ist.
📎 Genau dieses Prinzip — ein einzelnes Muster wirkt überzeugender, als die Statistik dahinter hergibt — steht auch im Abschnitt „Grenzen der Chartanalyse“ im Candlestick-Charts-Artikel.
Was heißt das für dich
Nicht viel, ehrlich gesagt — und das ist die eigentliche Pointe. Der September-Effekt ist zu schwach, um daraus eine Strategie zu bauen. Wer im August verkauft und im Oktober wieder einsteigt, zahlt Transaktionskosten und Steuern für einen statistischen Vorteil, der laut Forschung kaum über Zufall hinausgeht. Langfristig investiert zu bleiben schlägt den Versuch, einzelne Monate zu timen, in praktisch jeder Untersuchung dazu.
Key Points
Quellen
- Deutsche Börse — Wochenausblick zur Saisonalität (August/September)
- finanzen.net — DAX-Monatsstatistiken und historische Kurse
- History.com — Lehman-Brothers-Insolvenz, 15. September 2008
- Goldman Sachs — Marktreaktion auf die Anschläge vom 11. September 2001
- The Motley Fool — September-Effekt-Statistiken S&P 500 seit 1928
Alle Zahlen wurden sorgfältig recherchiert, aber ohne Gewähr auf Richtigkeit oder Vollständigkeit zusammengestellt. Keine Anlageberatung, siehe auch unsere finanziellen Hinweise.
